Erzähltes Land


Erzähltes Land

 
© Inspirationen 2/2018 © Irdana-VerlagEs war einmal so, dass das Land besungen wurde, dass die Geschichten, die in der Erde, den Hainen, den Flüssen waren, erlauscht und erzählt wurden. Alles hält Geschichten, Mythen, Sagen, Lieder bereit, jeder Ort mit den Steinen, dem Regen, den Hecken. Ebenso wie in Geschichten Orte sind. Geschichten gehören zum Land, sie machen es aus und andersrum.

Und wir, sind wir noch Indigene? Also irgendwo beheimatet? Eingeborene? Falls nicht, können wir es werden, es ist uns nicht verwehrt. Denn es heißt nichts anderes als tief verbunden zu sein mit einem Ort, einer Landschaft.

Manche sind so im Eingeborensein, dass es sogar ein In-einen-Ort-hineingeboren-Sein ist. Im Bäuerlichen ist das noch öfter zu finden. Wenn man das Land oder einen Ort kennt und ihn fühlen kann, ist es möglich, das Land selbst zu werden. Dann sprechen die Blätter der Pappel und singen die Bäche zu einem, dann hören wir in den Gräsern die Sagen und können uns von den Bäumen lehren lassen.

Die Wildnis ist von mythischen Klängen durchzogen. Orte sprechen die Sprache der Mythen, Erdsprache, Poesie. Ihre Sprache ist manchmal wild, verwildert, sie folgt nicht unbedingt den Regeln. Im Wildwuchs der Sprache können sich Feen einnisten. Wortgebilde kreieren sich schon mal aus dem Unterholz. Wenn wir empfänglich sind für die Sprache der Erde, werden wir skurrile Satzbauten in Krähennestern finden und kühne Wortformationen im Flug der Graugänse. Ein altes Baumwesen mit dem tiefen Wurzelwerk schenkt uns andere Geschichten als eine Fuchsfamilie. Erzählen wir doch wieder die gespürten Geschichten unserer Landschaft.

Wir können sie erlauschen, überall, auf einem viele Male gegangenen Feldweg, in der Abendsonne im Garten, am Baum der Kindheit. Die Geschichten erzählen sich her, sie warten auf Antwort, darauf, dass die Geschichtenerzählerin den Faden aufnimmt, weiterspinnt und so den Ruf erwidert.

Die Wildnis ist von mythischen Klängen durchzogen

Es ist November und erste Winterwinde kommen. Was tönt aus den Nebeln der Lichtung? Es ist sowas wie eine Echo-Ortung. Lauschen, hinsummen, senden, empfangen, ein Wellentanz. In den Wald hinein, aus dem Nebel, aus der Erde. Es atmet und pulsiert. Aus der Verbindung heraus taucht eine Geschichte auf. Sie ist so naheliegend, wie viele Geschichten auf den zwei Kilometern Feldweg zur Lichtung. Sie alle warten auf Widerhall. Sie rufen, sie antworten, sie halten Erdantworten und Landschaftsmedizinen bereit. Im Erzählen zapfen wir die Erinnerspeicher an. So ehren wir das Land und laden es auf. Es ist ein gegenseitiges sich Lesen und Beleben. So wird es zum erzählten, besungenen Land.

Erzählkunst heißt, der Quelle, den Steinen und Bergen, dem Schnee und dem Regenbogen, letztlich der Welt eine Stimme zu geben. Es geschieht, wenn wir in Verbindung gehen. Damit bekräftigen wir unser gemeinsames Hiersein, unsere Verwandtschft und Gleichwertigkeit und die Verbundenheit im Netz.

Draussen auf der Waldlichtung hinterm Dorf lausche ich dem Nordwind eine Sage ab. In den Nebel hinein erzähle ich sie und schreibe sie erst dann auf. Es ist die Sage von den Geistertänzerinnen.

Cambra Skadé


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